Leben mit einem Hund mit Handicap

Feivel kommt, genauso wie Lida, aus einem Shelter in Rumänien. Er wurde mit knapp 6 Monaten ausgesetzt und zeigt seit Beginn seines Lebens im Shelter unkoordinierte Bewegungen und ein besonderes Verhalten.⁠

Er leidet nicht nur unter Bewegungseinschränkungen, sondern auch unter vielen Ängsten. ⁠

Nachdem Sarah ihn im Shelter kennen lernte, entschied Sie sich ihn zu adoptieren. Im März 2018 kam Feivel dann nach Deutschland. ⁠

In Rumänien zeigte Feivel gegenüber einer Mitarbeiterin des Shelters ausgeprägtes Angst-Aggressives Verhalten. Dieses Verhalten verschlimmerte sich mit zunehmendem Alter. ⁠

Wenn er von Menschen angesprochen oder angeschaut wurde, verfiel er in panisches Bellen, zeigte seine Zähne und startete Scheinangriffe. ⁠

Selbst mir gegenüber verhielt er sich wie oben beschrieben, obwohl ich ihn knapp ein halbes Jahr vorher in Rumänien schon kennen gelernt hatte und wir keinerlei Probleme hatten. ⁠

Sarah war mit dieser Situation vor eine belastende und schwer händelbare Herausforderung gestellt. Und auch als Tiermedizin-Studentinnen fühlten wir uns zu einem gewissen Zeitpunkt überfordert. Es ist nicht schlimm, gerade wenn man sich für einen Straßenhund entscheidet, Hilfe zu benötigen oder überfordert zu sein.⁠

Man muss mit der Situation nur richtig umgehen. ⁠

„Ich dachte, dass ich das nicht schaffe und den Hund wieder abgeben muss.“⁠

Als Feivel auch Sarahs Familie gegenüber dieses Verhalten zeigte, spitzte sich die Situation zu. In dieser Zeit zog sie bei mir ein, mit der zuerst enttäuschenden Erfahrung, dass Feivel sich auch mir gegenüber Angst-Aggressiv verhielt. Nach wenigen gemeinsamen Stunden legte sich dieses Verhalten aber wieder.⁠

Der erste Lichtblick, seit seiner Ankunft. ⁠

Nach den ersten Ängsten und Zweifeln, rafften Sarah und ich uns dazu auf einen Plan zu machen. ⁠

Dieser Teil der Geschichte soll euch zeigen, dass es völlig in Ordnung ist sich Überfordert zu fühlen. Einen Hund in sein Leben und Umfeld zu bringen kann Situationen hervor bringen mit denen niemand rechnet. Und auch wenn es sich nicht um so extreme Herausforderungen wie in diesem Fall handelt, ist es menschlich seine Zweifel zu haben oder sogar aufgeben zu wollen. Dann muss man sich seiner Verantwortung gegenüber dem Tier bewusst werden und wissen, wo man sich Hilfe holen kann. ⁠


Nun mussten sowohl der medizinische Hintergrund als auch das Verhalten von Feivel abgeklärt, analysiert und behandelt werden. ⁠

Nach verschiedenen Blutuntersuchungen, neurologischen Untersuchungen, bildgebender Diagnostik via Magnetresonanztomographie und einer Liquor-Untersuchung (Untersuchung des Wassers, welches Hirn und Rückenmark umgibt) kam es zu der Verdachtsdiagnose „Cerebelläre Hypoplasie“. Also eine angeborene Unterentwicklung des Kleinhirns. Was uns alle aufatmen ließ, da es sich bei dieser Erkrankung nicht um eine progressiv verlaufende handelt (nicht fortschreitend). Was bedeutet, dass Feivel prinzipiell eine normale Lebenserwartung hat. ⁠

Auf der anderen Seite musste an seinem Verhalten gearbeitet werden. Nach mehreren enttäuschenden Konventionellen Methoden, fanden sie den zu ihnen passenden Weg. Bei speziell auf Verhaltensmedizin geschulten Tierärzten. Die über positive Verstärkungen arbeiten. ⁠

Dadurch gab es immense Verbesserungen. Natürlich wird es wegen Feivels Krankengeschichte und seiner Vergangenheit immer Einschränkungen geben. Allerdings ist es heute möglich Feivel komplett in den Alltag von Sarah zu integrieren. Er begleitet sie auf die Arbeit, Reisen oder in Restaurants. ⁠


Der Weg zu dem Hund, der Feivel Heute ist, war schwierig, lang und teuer. Verschiedenste herausfordernde Methoden und Trainer wurden ausprobiert und verworfen, bis die beiden die optimale Lösung fanden. ⁠

Trotz immenser finanzieller und zeitlicher Aufwände ist Sarah heute froh den Weg gegangen zu sein. ⁠

Ohne Feivel wüsste sie nicht annähernd so viel über Hunde und deren Verhalten. ⁠

Feivel hat ihren weiteren Lebensweg entscheidend geprägt. Jetzt steht sie kurz vor Beginn ihrer Fachtierarzt-Ausbildung Ethologie und der Zusatzbezeichnung Tierverhaltenstherapie. Eine Richtung der Tiermedizin, von der sie zu Anfang des Studiums noch nicht einmal wusste, dass sie existiert. ⁠

Die beiden meistern ihren Alltag hervorragend und sind ein gutes Team. Gemeinsam können sie in Zukunft vielen Hunden und deren Haltern helfen, denselben Weg zu gehen. ⁠




0 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen